Was ist Tantra?

Andro über Tantra

„Tantra ist die Erkenntnis, dass alles Geschaffene Illusion ist und keinen Bestand hat, eine Erkenntnis, die sich im Tod eines jeden Körpers unweigerlich manifestiert. Deshalb verehrt der Tantriker Shiva und Shakti als energetische Prinzipien des ewigen Anfangs und ewigen Endes, die immer wieder erneut aus der weiblichen Schaffenskraft entstehen.
Die Disziplin des Tantrikers transformiert aus dem augenblicklichen Sinneseindruck den zeitlosen Erkenntnisimpuls über dessen eigenes Ende hinaus – dadurch erlangt er ungeahnte Fähigkeiten über sich selbst und andere.
Die körperliche Praxis des Roten oder Linken Tantrikers ist der geschlechtliche Vollzug der Vereinigung über den persönlichen Genuss hinaus zu einer transparenten Veränderung seiner selbst an Geist und Körper. Er gebraucht dazu alle Sinnesebenen, wertet und urteilt nicht, sondern erkennt das energetische Prinzip hinter Allem und Jedem und verharrt in der Wahrnehmung der unendlichen Vielfalt der Erscheinungen, deren Zentrum und Quelle er selber ist, strahlend und unzerstörbar aus sich selbst heraus.“

Andro

Saranam über Tantra

Über Tantra ausführlich zu schreiben, da reichen etliche Bücher noch nicht aus. Wer sich für einen modernen Einstieg zum Thema Interessiert, könnte zum beispiel Andros „Tantra-ein Leben“, beim Bohmeierverlag erschienen, oder „Das Tantra der Liebe“, von Arshley Thirleby, beim Ullstein Verlag erschienen, lesen. Allerdings erschliesst sich einem Tantra erst selber durch die eigene Beschäftigung damit.

An dieser Stelle also eher einige assoziative Gedanken zum Thema:

Tantra konfrontiert uns, die wir uns für fraglos aufgeklärt halten, auch heute mit Gedanken und Bildern, die provozieren, weil sie uns auf unsere versteckten Dogmen aufmerksam machen.

Schon die alten Originaltexte, die zum Beispiel aus dem elften Jahrhundert stammen, und auch die Bilderbotschaften des Tantra  in den historischen Kunstwerken des indisch-tibetischen Kontinents weisen darauf hin:

Tantra ist mehr als nur eine Ansammlung von Rezepten, das partnerschaftliche Liebesleben zu verschönern, obwohl das geschehen kann, wenn Beziehungspartner Tantra in ihr Leben integrieren.

Tantra will jedoch mehr. Es ist eine art Wissenschaft der Selbsterkenntnis und diesen Weg kann nur jeder für sich allein gehen, obwohl das „Zusammen“ im Tantra eine wichtige Rolle spielt.

Und zwischenmenschliche Liebesgefühle spielen im Tantra auch eine wichtige Rolle.

Aber Liebesgefühle können vielfältige Formen annehmen, und wir können wählen, mit welcher Einstellung wir diese Formen und unsere Lebenserfahrungen  mit ihnen bewerten, ja ob wir sie überhaupt bewerten. Tantra lädt uns zu einer verspielten Sichtweise aller Thematiken ein, die uns im Leben oft eher Schwierigkeiten bereiten.

Denn dogmatische Antworten sind selten ein richtiger Ausweg in Zeiten, in denen wir Menschen des postmodernen dritten Jahrtausends vieles in Frage stellen und zu wesentlichen Problemen unserer Gegenwart noch keine wirklich befriedigenden Antworten gefunden haben.

Das Leben ist selbst in unserem wissenschaftlich geprägten Zeitalter ein Wunder, gerade auch für die Wissenschaftler, die es zu ergründen versuchen. Die moderne Quantenphysik ist ein passendes Beispiel dafür. Die Gesetze der Newtonschen Physiklehre, die wir alle noch in der Schule gelernt haben, sind in der Quantenphysik teilweise nicht mehr gültig und öffnen Räume für unzählige neue Spekulationen über den Ursprung und den Sinn der Existenz und des Lebens.

Tantra geht davon aus, dass dieses Wunder zu ergründen, eine Frage bewusst erlebter Erfahrungen ist. Es interessiert sich weniger dafür, Strukturen der Materie und lebender Organismen analytisch zu erforschen, vielmehr sucht es ein ganzheitliches Verständnis des Lebens. Im zwischenmenschlichen Zusammenleben wird es besonders deutlich. Ob wir lieben oder hassen, uns stark oder schwach fühlen, hängt von unserer Überzeugung ab, und von dem, was wir erlebt haben, was unsere gesunden oder ungesunden Gewohnheiten geprägt hat.

Tiefe Lust und tiefe Liebe sind für die Tantriker Bewusstseinszustände, die jenseits unserer gewohnten Definitionen von Sexualität und Beziehung uns von allen Ängsten und Hassgefühlen reinigen, unsere egoistischen Motive umwandeln in Liebe und Mitgefühl zu allem Lebendigen. Das Leben kann wundervoll sein, wenn wir es lernen, klar und voller Nächstenliebe zu handeln.

In unserer Alltagswelt wird Nächstenliebe allerdings als eine Art Opfer an unser schlechtes Gewissen gesehen. Das allerdings verleitet uns eher, immer wieder unehrlich zu sein, mit uns selber und auch mit anderen, da wir mit unserem schlechten Gewissen, nicht genug zu lieben, nicht gut leben können.

Wer sich entscheidet, sich selbst immer besser kennen zu lernen, kann sich von allen Selbstanklagen befreien. Wir sollten es immer anstreben, aus natürlicher Freiwilligkeit heraus zu handeln, die aus Selbstverantwortung heraus entstanden ist. Verehrung und Intelligenz sind für die Tantriker Tugenden, die man trainieren kann. Das fängt damit an, dass wir uns entscheiden, für unser Leben die volle Verantwortung zu übernehmen. Nicht die anderen sind schuld daran, ob es uns im Leben gut oder schlecht geht, sondern wir selbst schaffen auf Grund unserer Überzeugungen Strukturen, in denen dann das Leben sich ereignet, mehr oder weniger erfüllend, je nach dem, wie klug und liebevoll wir an das Erzeugen dieser Strukturen herangegangen sind. Dieses gilt für das Individuum genauso wie für ganze Gesellschaften.

Frau und Mann, Göttin und Gott, Shakti und Shiva, Diamantenyogini und Diamantenyogi, diese Begriffe bezeichnen im Tantra die angestrebte Vollkommenheit unseres menschlichen Potenzials. Jede Frau und jeder Mann sollten diese Eigenschaften zu gleichen Anteilen in sich ausprägen. Im Bewusstsein unserer Heiligkeit gerade auch im Sinnlichen können wir uns immer wieder sexuell ekstatisch vereinigen, auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern, auch zu mehreren. Wir Menschen sind keine Sünder, sondern Genießende und Lernende. Zutiefst humanistisch, lädt Tantra uns ein, uns selbst, genauso wie unsere Mitmenschen zu verehren, mitsamt allen Fehlern und Unvollkommenheiten. Am Anfang steht die Entscheidung, unsere Lebens- und Sexualpartner ganz anzunehmen, um mit ihnen dann eine poetische Reise in die Tiefen unseres Unterbewusstseins anzutreten. Durch gegenseitiges Wohlwollen wandelt sich Rachsucht, die uns Menschen schon Jahrtausende lang begleitet und selbst heute noch manche Kulturen prägt, in tiefes Verstehen der Anderen und eine grenzenlose Selbstannahme. Wenn wir in der Sexualität und in der Liebe, ja im Leben als ganzes Hingabe und tiefes Glück erfahren wollen, lohnt es sich, unsere Vorurteile und Vorbehalte aufzugeben, die wir uns in unserer oftmals lustunterdrückenden und lieblosen Vergangenheit antrainiert haben, lohnt es sich falsche Schamgefühle aufzugeben, zugunsten einer einfachen, spielerischen Betrachtung unseres Alltags, in dem auch die sexuelle Lust durchdrungen ist von Klarheit und Mitgefühl, voller poetischer Verehrung des Lebens. Lust und Herz, die in Wahrheit niemals getrennt sind, werden wieder als vereint empfunden. Selbst eine flüchtige sexuelle Begegnung mit einer Urlaubsbekanntschaft ist dann erfüllt von tiefer herzlicher Hingabe, und der genussvolle Blickwinkel der herzerfüllten Sexualität wird auf das gesamte Alltagserleben übertragen, so, wie es der Volksmund beschreibt: Verliebte möchten am liebsten die ganze Welt umarmen. Alltäglich gelebte Sinnlichkeit wird zur alltäglich gelebten Nächstenliebe, Mitgefühl und Verehrung gegenüber der Gesamten Schöpfung, gegenüber der Natur und ihren wirkenden Kräften. Aus diesem Blickwinkel betrachtet kann selbst eine sexuelle Gruppensituation voller Liebe und Hingabe sein, fernab von jeder plumpen Libertinage, mit der manchmal Tantra verwechselt wird. Was die Sexualität rein macht, ist nicht ihre Beschränkung auf nur bestimmte erlaubte Aspekte wie zum Beispiel die Sexualität erst nach dem Trauschein und nur zu zweit, sondern die Reinheit unserer Gedanken und die verehrende Makellosigkeit unserer Handlungen dabei. Aus diesem Blickwinkel heraus betrachtet werden auch Liebesbeziehungen zu dritt oder zu mehreren möglich.

Natürlich geht es im Tantra nicht nur um Sexualität. Themen, die uns tagtäglich als Individuen oder als Gemeinschaft aller Menschen beschäftigen, stehen für die Tantriker im Brennpunkt ihrer Suche nach Bewusstheit und nach dem Erwachen aus der illusionären, traumähnlichen Dumpfheit unserer alltäglichen Überzeugungen: Liebe, Arbeit, Partnerschaft, Familie, Fragen, die zwischenmenschliche Machstrukturen im privaten genauso wie im öffentlichen Zusammenleben betreffen, Ökologie, Politik, Kultur, Kunst, Philosophie, Psychologie, die Kunst erfolgreich und erfüllt zu leben, sind nur einige dieser Themen.

Wohl schon vor fünftausend Jahren finden sich die ersten Spuren dieser lust- und lebensbejahenden Philosophie. Verschiedene patriarchale Kulturen haben andere, mehr mutterrechtlich orientierte Kulturen auf der ganzen Welt abgelöst. In Indien waren es die Indogermanen, die die alte dravidische Kultur kriegerisch unterworfen haben. In diesen späteren Kulturen entwickelte sich Tantra dann als stille Gegenbewegung. Deswegen legten in einer Blütezeit des Tantra, im männerrechtlich hinduistisch kastenorientierten Indien des zehnten und elften Jahrhunderts unserer Zeitrechnung die Tantriker viel Wert auf die bedingungslose Verehrung der Frau:

„Sieben Leben lang warst du mein Diener,
mein niedriger Sklave warst du,
für eine Muschel kaufte ich dich,
als deine Herrin bin ich bekannt,

Dann wirft er sich vor ihre Füße
und legt voll Eifer die Füße zusammen
und spricht diese höchste Rede,
die des Glückes Glut entfacht:

Du bist die Frau des Vaters meiner Mutter,
du bist meine Schwestertochter,
du bist die Frau des Sohnes meiner Schwester

du bist meine Schwester, meine Tante.
Allenthalben bin ich dein Diener,
schmerzlich abhängig von deiner Gunst,
sieh mich mit Mitleid an, Mutter,
mit Blicken voller Zärtlichkeit.“

Diese Übersetzung aus dem Sanskrit einer buddhistisch – tantrischen Meditationsanleitung

(Chandramarossana- Tantra, ca. zehntes Jahrhundert n.Chr., Indien) mutet manchem Leser, mancher Leserin vielleicht als etwas überzogen an.

Tatsache aber ist, dass ohne das Aufgeben jeglicher Machtansprüche über den Partner, über die Partnerin keine Hingabe in der sexuellen Vereinigung möglich ist.

Die sadomasochistischen Praktiken gewisser Etablissements oder die subtil bis derb ausgetragenen Machtkämpfe während des Geschlechtsaktes in so manchem Pornofilm zeugen von unserer nach wie vor unzureichenden Bewusstheit über diese Thematik. Die Frauenbewegung  der letzten vierzig Jahre, ungeachtet auch der eigenen Widersprüche, die jede neue emanzipatorische Gesellschaftsströmung gerade in ihren Anfängen in sich birgt, brachte ein wenig Licht in die Angelegenheit und so manche Veränderungen im männlichen und weiblichen Rollenverhalten mit sich, Veränderungen auch in Gesellschaftspolitischen Strukturen, jedoch ist dieser Prozess längst noch nicht abgeschlossen.

Da Tantra immer aus dem jeweiligen Zeitgeist seine befreienden Methoden schöpft, spielt für die heutigen Tantriker die Gleichberechtigung der Geschlechter in ihren Meditationstechniken eine wichtige Rolle.

Und wenn dann alle Beteiligten an einer sexuellen Handlung diesen Respekt und diese Verehrung den anderen zollen, kann sich Ekstase ereignen (eventuell unter der Einbeziehung verschiedenster Yoga- Konzentrations-, Meditations- und Atemtechniken oder auch anderer Bestandteile und Zutaten tantrischer Zeremonien und Rituale). Die Wissenschaft hat längst herausgefunden, dass eine Vielzahl an Hormonen, die während des Sexualaktes im Organismus ausgeschüttet werden (zum Beispiel das Liebeshormon Oxytocin oder die wach und glücklich machenden Endorphine, die hautpflegenden Östrogene, die Muskelbildenden Testosterone, um nur einige zu nennen), unsere seelische und körperliche Gesundheit nähren und unser Gehirn kreativer machen. Deswegen dehnen Tantriker, denen dieser Umstand schon immer intuitiv bewusst war, den Sexualakt über besonders lange Zeiträume aus. Lust erzeugt Lust in allen bereichen des Lebens und somit genau dieses spielerische und doch intelligente Umgehen mit allen oben aufgeführten Thematiken des privaten und öffentlichen Alltags.

Und darüber hinaus? Liebe kann zaubern, sagen manche Märchenerzähler. Für Tantriker bedeutet Liebe mehr als nur ein romantisches Gefühl. Gepaart mit Mut und Willenskraft bedeutet sie, eine Welt voller unbegrenzter Möglichkeiten zu betreten, in der selbst der Körper und der Geist ungeahnte Fähigkeiten erlangen.

Aber diese Aspekte des Tantra lassen sich erst durch (eventuell langes), konsequentes Experimentieren ergründen.

Saranam Ludvik Mann

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